Kein schlechter Scherz:
Kein schlechter Scherz:
Gehörschutz für Schwerhörige

Kein schlechter Scherz: Gehörschutz für Schwerhörige

Hartmut Schneider* ist Industriemeister. Seine Arbeitsumgebung ist laut - pausenlos und unerbittlich dröhnen die Maschinen und Werkzeuge in der Produktionshalle. Hartmut Schneider liebt seinen Job, als Führungskraft verantwortet er die pünktliche Auslieferung der Aufträge in seinem Team. Viele Absprachen in lauter Umgebung sind unerlässlich, dies jedoch ist für Hartmut Schneider ohne Hilfsmittel fast nicht möglich, denn er ist schwerhörig. Um seine Kollegen zu verstehen, trägt er im Betrieb keinen Gehörschutz sondern sein privates Hörgerät, mit fatalen Folgen: auch der Lärm im Produktionsbetrieb wird von der künstlichen Hörhilfe verstärkt, zunehmend werden die noch intakten Bereiche im Gehör von Hartmut Schneider irreparabel geschädigt.

Ein Einzelschicksal? Nach Informationen des deutschen Schwerhörigenbundes sind etwa 19 % der deutschen Bevölkerung hörbeeinträchtigt, das heißt jeder fünfte Bundesbürger hört schlecht. Hörverlust gilt als häufigste Berufskrankheit in der Industrie. Viele Schwerhörige schämen sich jedoch ob ihres Handicaps. Anstatt den gesetzlich vorgeschriebenen Gehörschutz zu verwenden, verzichten sie im Arbeitslärm darauf, um kommunikationsfähig zu bleiben und manchmal sogar aus Angst, den Arbeitsplatz zu verlieren. Eine Problematik, die dem Hersbrucker Hörgeräteakustiker Thomas Meyer keine Ruhe ließ. In seinem Job hatte er immer wieder Kontakt mit Personen und Firmen, die nach einem Gehörschutzprodukt suchten, das im Arbeitslärm zuverlässig schützt, jedoch die Kommunikationsfähigkeit am Arbeitsplatz erhält. Meyer fackelte nicht lange, sondern richtete im Keller seines Bauernhauses ein Labor ein und begann zu tüfteln bis er nach jahrelangem Entwickeln, Ausprobieren und Verwerfen schließlich die Lösung gefunden hatte. Nicht ganz einfach, erzählt der Erfinder im Nachgang, zunächst galt es, den klassischen Gehörschutz technisch mit der Hörgerätetechnologie zu verbinden. Für die Hörgerätetechnik musste eine eigene Programmierung entwickelt werden, die eine passive Schalldämmung ermöglicht. Außerdem musste in Zusammenarbeit mit dem Institut für Arbeitsschutz (IFA) und der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (DGUV) eine Prüfnorm samt gesetzlich konformer Grundlage für ein solch neuartiges Gerät entwickelt werden.

2013 schließlich waren alle Hürden genommen: auf der A+A, der wichtigsten deutschen Messe im Bereich Arbeitssicherheit, stellte der pfiffige bayrische Tüftler sein Produkt vor: AS Hörluchs ICP (Insulating Communication Plastik), im Prinzip Gehörschutz und Hörverstärker in einem Gerät. Ab einem Geräuschpegel von 85 dB riegelt die Gehörschutzotoplastik innerhalb von 5 Millisekunden automatisch ab. Das integrierte Hörgerät mit Spezialprogrammierung erkennt Warnsignale der Industriemaschinen und Sprachfrequenzen und liefert beides zuverlässig fokussiert ans Gehör. Eine Erfindung, die in der Welt der Hörakustik wie ein Feuerwerk einschlug, sorgt sie doch endlich für Sicherheit und Komfort für alle Schwerhörigen, die an Lärmarbeitsplätzen beschäftigt sind. Kommunikation und das Verstehen von Sprache gelten als wesentliche arbeitsergonomische Faktoren, wie dem Internetauftritt der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin zu entnehmen ist - dank eines engagierten Hörgeräteakustikers jetzt auch wieder für 19% der Bundesbürger mit Hörbeeinträchtigung!

Weitere Fakten:

  • AS Hörluchs ICP wurde im Jahr 2013 mit dem Deutschen Arbeitsschutzpreis und dem Bayrischen Innovationspreis ausgezeichnet.
  • Thomas Meyer ist inzwischen Geschäftsführer der mittlerweile zur Spezialmanufaktur für Gehörschutzprodukte gereiften mittelständischen Firma Hörluchs
  • Das Produkt ICP ist weltweit konkurrenzlos das einzige für den Lärmbereich zugelassene Hörgerät
  • Die Kosten für ein ICP werden bei anerkannter Lärmschwerhörigkeit von den Berufsgenossenschaften übernommen.
  • Herrn Hartmut Schneider* gibt es tatsächlich und auch er trägt heute glücklich ein ICP.

*Name geändert